Burg und Kulturlandschaft – Beobachtungen zum soziokulturellen und topographischen Umfeld mittelalterlicher Adelssitze im Bereich der Mittleren Schwäbischen Alb

Kurz vor dem Abschluss – und doch auch für das Greifenstein-Projekt höchst relevant! Das seit einigen Jahren an der Universität Tübingen laufende Dissertationsprojekt beschäftigt sich in einem interdisziplinär ausgerichteten methodischen Ansatz und auf Grundlage aktueller Fragestellung der modernen Burgenforschung mit einer Reihe von Adelssitzen der Mittleren Schwäbischen Alb um die Flussläufe der Erms und der Großen Lauter – darunter auch den Burgen des oberen Echaztals.

Burgenbau im Tal der Großen Lauter: Hohenhundersingen, Derneck und Hohengundelfingen

Konzeption

Mittelalterliche Burgen bestimmen unser Landschaftsbild bis heute auf markante Weise. Sie sind beliebte Ausflugsziele und stehen nicht selten im Blickpunkt öffentlichen Interesses. Entsprechend häufig wurden vor allem die größeren und imposanten ihrer Art sowohl von interessierten Laien als auch von Fachleuten intensiv behandelt. Deutlich weniger Bearbeitung erfuhren dagegen all die kleineren, weniger herausstechenden Anlagen, etwa solche des Niederadels sowie die zahlreichen Burgstellen ohne obertägig sichtbares Mauerwerk. Neben der Wahrnehmung der Anlagen im Gelände wandelte sich auch die Wahrnehmung der Burg als zentrales Phänomen des Mittelalters. So sind in der deutschen, aber auch der europäischen Burgenforschung, vielschichtige Entwicklungslinien und im Lauf der Zeit teils immensen Wandlungen unterworfene Interessenschwerpunkte an der Thematik Burg zu erkennen.

Schloss Lichtenstein – Romantischer Schlossbau und markantes Symbol der Mittleren Alb

Während die Burg lange Zeit als primär militärisches Bauwerk im Blickpunkt stand und vorrangig von Kunsthistorikern und Architekten erforscht wurde, gilt das Interesse der modernen Burgenforschung vermehrt den vielfältigen „Funktionen“ der Burg, die weit über Wehr- und Wohnbau hinausreichen. Heute wird die Burg nicht mehr vordergründig unter fortifikatorischen und typologischen Aspekten untersucht, sondern vielmehr als multifunktionaler Herrschaftsbau verstanden, der ein Bündel unterschiedlicher Funktionen vereinigte. Im Forschungsinteresse stehen neben ökonomischen Funktionen auch Fragestellungen bezüglich des Alltagslebens und der Sachkultur der Burgbewohner. Auch gesellschaftliche oder herrschaftspolitische Aspekte sowie der psychologisch-symbolische Wert einer Burg werden thematisiert.

Großes Interesse bringt die moderne Forschung auch dem Umland der Burg beziehungsweise der diese umgebenden Kulturlandschaft mit all ihren materiellen und immateriellen Ressourcen entgegen. Mit dieser ist sie durch vielseitige Wechselwirkungen verknüpft. Sie kann folglich im Sinne einer ganzheitlichen Herangehensweise in ihrer Vielschichtigkeit kaum ohne letztere verstanden werden. Umso mehr verwundert es vor diesem Hintergrund, dass nach wie vor viele burgenspezifischen Untersuchungen dieses Umland wenig oder gar nicht mit einbeziehen. Nicht selten steht nach wie vor die baulich dominante Kernburg im Vordergrund, ein Umstand, der sich überregional häufig auch anhand der bei Burgengrabungen archäologisch untersuchten Areale deutlich abzeichnet. Dieser weit verbreitete, letztendlich kaum befriedigende Zustand lässt sich entsprechend auch für weite Teile Südwestdeutschlands konstatieren und gab einen gewichtigen Impuls für das hier vorgestellte Dissertationsprojekt.

Gestaltete Landschaft – Blick von Hohenurach auf das Brühltal

Die Burgenregion Schwäbische Alb

Die Schwäbische Alb stellt eine der burgenreichsten Landschaften Südwestdeutschlands dar. Mit besonderer Deutlichkeit reihen sich mittelalterliche Burgen an deren Nordrand auf markanten Spornen und Zeugenbergen aneinander. Allein deren schiere Masse lässt eine umfassende und akribische Bearbeitung des gesamten Alb-Gebiets (wie sie durchaus wünschenswert wäre) in einer Einzelstudie kaum zu. Im Folgenden sollte der Fokus somit auf einen enger bemessenen Abschnitt der sogenannten Mittleren Schwäbischen Alb gelegt werden.

Hochadelsburgen am Albtrauf: Hohenneuffen, Teck und Hohenurach

Innerhalb der Landschaft treten die Adelssitze in regelrechten Konglomeraten auf, die sich im gewissen Sinne als „Burgengruppen“ um die einzelnen, meist tief eingeschnittenen Albtäler finden. Oft entsprechen diese Gebiete bestimmten Hochadelsterritorien, wie etwa denjenigen der Grafen von Urach oder der Herzöge von Teck. Die zwischen diesen Tälern situierten Räume sind, abgesehen von vergleichsweise allein stehenden Anlagen, wie dem Hohenneuffen, dagegen nicht selten auffallend burgenleer. Anhand topographischer Aspekte allein ist dies kaum zu erklären. Welche spezifischen Gründe lassen sich also für die intensive Umsäumung der Täler anführen und weshalb waren die dazwischen liegenden Räume für die damaligen Bauherren scheinbar eher unattraktiv? Lässt sich diese Burgentopographie, wie es bisher oft geschah, allein aus der Bedeutung der durch die Täler führenden Verkehrswege ableiten? Oder – kritischer gefragt – folgten die mittelalterlichen Verkehrswege überhaupt immer diesen Linien, wie dies von der Forschung oft ohne nähere Überprüfung angenommen wurde?

Die Erforschung solcher Fragenkomplexe bietet ein großes Potential zum besseren Verständnis des Phänomens „Burg“. Damit einhergehend lässt sich zudem ein Beitrag zur allgemeinen Siedlungs-, Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte sowie zur Genese und Ausformung unserer heute vorhandenen Kulturlandschaft beisteuern. Im Rahmen einiger kleinerer Vorarbeiten sowie begleitender oder parallellaufender Projekte konnte dies in den letzten Jahren vielfach aufgezeigt werden.

Im Rahmen von Vorstudien untersucht – die Burgen Hohenwittlingen und Blankenstein

Das Arbeitsgebiet

Zunächst galt es ein Arbeitsgebiet zu finden, dass sowohl genügen Raum bot, um die notwendige Materialfülle zu garantieren als auch so überschaubar blieb, dass Detailfragen nachgegangen werden konnte, ohne den gegebenen Rahmen in allzu großem Maße zu sprengen. Dass dies nur teilweise gelang, wird künftig anhand des dick geratenen, zweibändigen „Burgenbuchs“ nachzuvollziehen sein, welches am Ende dieser Forschungen stehen wird.

Besonders aufschlussreich erschien überdies ein synthetischer und diachroner Blick auf verschiedene Tallandschaften mit jeweils unterschiedlichen spezifischen Voraussetzungen und Entwicklungslinien. So war beispielsweise der Frage nachzugehen, ob eine von mächtigen Grafen beherrschte Tallandschaft wie das Ermstal in Bezug auf ihre Burgen eine grundsätzlich anders geartete Entwicklung durchlief, wie etwa ein herrschaftlich weitgehend zersplitterter und unter mehreren edelfreien Geschlechtern aufgeteilter Raum, wie er im Großen Lautertal vorlag. Zielführend erschien auch ein Abgleich jener Gebiete, die relativ früh unter den Zugriff der Expansionsbestrebungen des württembergischen Grafenhauses gerieten und jenen, die verhältnismäßig lange weitgehend eigenständig zwischen den großen Territorialherren ihrer Zeit agieren konnten. Schließlich galt es auch jene Adelssitze gegenüberzustellen, die vermehrt und sukzessiv in die Einflusszone einer mächtigen, aufstrebenden Reichsstadt wie Reutlingen kamen.

Es galt also ein Arbeitsgebiet zu finden, in dem entsprechend unterschiedliche, gewissermaßen „separate Burgenlandschaften“ als Bestandteile einer übergeordneten Burgenregion vorlagen. Die Mittlere Schwäbische Alb bot sich hierfür aus zweierlei Gründen an. Einerseits begünstigen die zahlreichen tief eingeschnittenen Täler mit ihren jeweiligen Burgenstandorten eine solche Untersuchung grundsätzlich, andererseits ließen sich auf diesem Wege die bereits geleisteten Vorarbeiten sinnvoll einbinden. Überhaupt erschien die äußerst spannende und vielfach differenzierte Burgenregion Schwäbische Alb innerhalb der Forschung stark unterrepräsentiert. Die Wahl fiel schließlich auf die nordseitigen Albtäler der Erms und Echaz sowie auf das nach Süden entwässernde Große Lautertal. Einbezogen wurden überdies die dazwischen situierten Hochflächen.

Lage des Arbeitsgebiets auf der Mittleren Alb

Zeigte sich der Forschungsstand zu den Burgen des Erms- und Echaztals sowie zu den meisten Burgen der Hochfläche zumeist relativ „dürftig“, so wurde zumindest das gerne als „Tal der Burgen“ bezeichnete Große Lautertal bereits mehrfach Gegenstand umfangreicherer Studien. Grundsätzlich galt aber auch mit Blick auf diese zumeist hervorragenden Arbeiten, dass in der Regel weder das „Umland“ noch die „Stellung der Burg im Raum“ tiefgreifender thematisiert wurden.

Kartierung der untersuchten Burgen (Nr. 1-50) sowie umgebende Burgenstandorte

Zielsetzung

Ziel des vorliegenden Projekts war es also die Stellung der Burg im Raum sowie die mannigfaltigen Wechselwirkungen mit der dieses umgebenden Kulturlandschaft zu untersuchen. Dies beinhaltete Aspekte, wie Standortwahl und topographische Verteilung der Adelssitze, den Zusammenhang beziehungsweise die Wechselwirkung von Burgen und Kommunikationslinien sowie vielseitige Verflechtungen zu ökonomischen Strukturen unterschiedlichster Art. Anders ausgedrückt sollten also soziale, kulturelle, wirtschaftliche und herrschaftspolitische Zusammenhänge im Blickpunkt der Betrachtung stehen und die Burgen als Bestandteile einer mannigfaltigen Kulturlandschaft verstanden werden. Soweit möglich, sollten Gründe aufgezeigt werden, die für den Burgenbau und die Standortwahl der Bauherren ausschlaggebend waren. Ebenso standen Aspekte der Funktionalität und Nutzungsform einzelner Burgen im Fokus. Dies bedingte eine gezielte Verknüpfung der individuellen Burganlagen sowie auch ganzer Burgengruppen mit der herrschaftspolitischen Entwicklung der Region. Nicht zuletzt waren auch chronologische Faktoren sowie Unterschiede zwischen etwaigen Hoch- und Niederadelsburgen (soweit diese differenziert werden konnten) in Hinblick auf Aspekte wie Standortwahl, Verkehrslage, ökonomischen Einrichtungen, etc. herauszuarbeiten. Nicht zuletzt war dadurch auch ein Beitrag zur allgemeinen Siedlungs- und Verkehrsgeschichte der Region zu leisten, da neben den Burgenstandorten im engeren Sinne auch eine Vielzahl an Wüstungen, Verkehrswegen, ökonomischen Strukturen sowie anderweitiger Kulturlandschaftselemente einbezogen, erfasst, kartiert und ausgewertet wurden. Dies wird somit auch in einem umfassenden Beitrag zu der in den letzten Jahrzehnten in Südwestdeutschland stark vernachlässigten Verkehrswegeforschung münden, die aktuell wieder einen erfreulichen Aufschwung zu erleben scheint! Nicht zuletzt wird in diesem breit konzipierten Ansatz aufzuzeigen sein, inwieweit mittels einer interdisziplinär ausgerichteten und vielseitig orientierten Herangehensweise zur Erforschung mittelalterlicher Burganlagen beigetragen werden kann. Vielerorts wird das bisherige Bild auf diesem Wege beträchtlich zu erweitern oder auch zu korrigieren sein!

Michael Kienzle

3D-Geländemodell der Umgebung von Burg und Siedlung Seeburg mit verschiedenen Kulturlandschaftselementen

Beteiligte Institutionen / Projektpartner / Förderer:

Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Eberhard Karls Universität Tübingen

Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen e.V.

Landesamt für Denkmalpflege, Regierungspräsidium Stuttgart

Biosphärengebiet Schwäbische Alb

SFB 1070 RessourcenKulturen

Im Zusammenhang mit der Projektarbeit erschienene Publikationen:

  • M. Kienzle, Burg und Kulturlandschaft – Beobachtungen zum soziokulturellen und topographischen Umfeld mittelalterlicher Adelssitze im Bereich der Mittleren Schwäbischen Alb. Dissertation Tübingen (in Vorbereitung).
  • M. Kienzle, Burgenbau und Adel im oberen Ermstal. Archäologie und Geschichte. Beiträge zur Bad Uracher Stadtgeschichte 8 (2022).
  • M. Kienzle, „Baugeschichte(n)“. Die Ermstal-Burgen Hohenurach und Hohenwittlingen, SPUREN. Beiträge zur Metzinger Stadtgeschichte 10 (2021), 56-66.
  • M. Kienzle, Die Burg Pfählen. Eine Spurensuche nach der verschwundenen Burg und dem Weiler Pfählen im Elsachtal. Beiträge zur Bad Uracher Stadtgeschichte 7 (2020).
  • M. Kienzle, Die Burg Wittlingen. Ein „Schlüssel“ zu Württemberg?. Beiträge zur Bad Uracher Stadtgeschichte 5 (2017).
  • M. Kienzle, Burg und Herrschaft Blankenstein. Grundzüge einer hochmittelalterlichen Adelsherrschaft im Gebiet des Großen Lautertals, in: Münsinger Jahrbuch 7. und 8. Jahrgang 2014/15 (2016), 35-90.

Vorträge in Zusammenhang mit der Projektarbeit:

  • Die Seeburg und die Burgen des oberen Ermstals (Vortrag anlässlich der 1250-Jahr-Feier in Seeburg 30.06.2022).
  • Burgenbau und Adel auf der Mittleren Alb (Stadtarchiv und Geschichtsverein Münsingen, Zehntscheuer Münsingen 19.05.2022).
  • Altstraßen und Altwegerelikte. Ein exemplarischer Überblick anhand regionaler Beispiele / Altstraßen im Spiegel der Überlieferung. Das Fallbeispiel „Grafschaft Wartstein“ am Unterlauf der Großen Lauter (zwei Vorträge auf der Tagung „Historische Wege“ des Alamannischen Instituts Freiburg im Breisgau e.V. 11.03.2022)
  • Die Burg Pfählen – Eine Spurensuche nach der verschwundenen Burg und dem Weiler Pfählen im Elsachtal (Schlossmühle Bad Urach 23.10.2021)
  • Burgenexkursionen zur Festung Hohenurach im Rahmen des „Kultursommers 2021“ in Kooperation mit dem Kreisarchiv Reutlingen und dem Arbeitskreis Stadtgeschichte Bad Urach (25.07. und 22.08.2021)
  • Burgenexkursionen nach Hohenurach, Hohenwittlingen, Greifenstein, Hohenhundersingen und Hohengundelfingen im Rahmen des „Kultursommers 2020“ in Kooperation mit dem Kreisarchiv Reutlingen und verschiedenen Geschichtsvereinen (26.07. – 13.09.2020)
  • Burgen der Schwäbischen Alb (Schwäbischer Albverein, Buttenhausen 26.10.2019)
  • Burg und Kulturlandschaft – Methoden und Möglichkeiten der modernen Burgenforschung (Sülchgauer Altertumsverein, Rottenburg am Neckar 22.11.2018)
  • Führung auf die Ruine Hohenurach (Volkshochschule Bad Urach-Münsingen 12.10.2018)
  • Die Ruine Hohen Wittlingen (Volkshochschule Bad Urach-Münsingen 16.04.2018)
  • Die Burgruine Hohenwittlingen – Baubestand und Baugeschichte im Lichte neuerer Untersuchungen (48. Burgenkundliches Kolloquium der Deutschen Burgenvereinigung, Landesgruppe Baden-Württemberg, Backnang 21.10.2017 )
  • Die Burg Wittlingen. Ein „Schlüssel“ zu Württemberg? (Wittlingen 02.09.2017)

Presse-Auswahl: